In Memoriam
Ernest «Nag» Ansorge
Von Rolf Bächler, 13. Januar 2014

This text is also available in English.

Nag Ansorge (Bild © Jean Mayerat)

Nag Ansorge, der Doyen des Schweizer Animationsfilms, hat den langen Film seines Lebens vollendet. Er hinterlässt uns ein umfangreiches, im Wesentlichen in symbiotischer Komplizenschaft mit seiner schon 1993 verschiedenen Frau Gisèle erschaffenes Werk von unglaublicher Vielfalt.

Zu Animationskünstlern von Weltrang wurde das Paar mit zehn kurzen, mit Quarzsand animierten Filmen, die im Zeitraum eines Vierteljahrhunderts entstanden und zusammen gerade mal eine Stunde dauern. Der Öffentlichkeit weniger bekannt, in Fachkreisen jedoch ebenso hoch geschätzt sind die Resultate von Nags langjähriger Arbeit mit Langzeit-Psychiatriepatienten, die er ab den frühen 60er-Jahren während zweier Jahrzehnte zu eigenen filmischen Experimenten anleitete. Dazu kommt ein umfangreiches Konvolut an Auftragsarbeiten – Reportagen, Lehrfilme, Dokumentationen, usw., darunter einige viel beachtete, einfühlsame Portraits psychiatrisierter KünstlerInnen, aber auch Mitarbeit an Fernsehserien für Kinder – sowie ein Langspielfilm, alles weitgehend ebenfalls in (mit Nags Worten: osmotischer) Zusammenarbeit mit Gisèle entstanden.

«Le chat chaméléon» von Gisèle und Nag Ansorge (1975)

Das Filmen entdeckten die in Naturwissenschaften Promovierten (sie Apothekerin, er Maschineningenieur) in den 50er-Jahren über Nags Faszination für jegliche Motoren und Getriebe: eine 8mm-Kamera, mit welcher er in der Freizeit zu hantieren begann, während er sich beruflich bei Escher-Wyss in Zürich mit Turbinen befasste. Die Begegnung mit Werken des tschechischen Altmeisters Jiří Trnka offenbarte ihnen das Universum der Animation, und bald folgten erste eigene Gehversuche mit animierten Puppen im zum Studio umfunktionierten Esszimmer ihrer Wohnung.

Schon ihrem zweiten Wurf war in Amateurkreisen einiger Erfolg beschieden, was sie 1958 bewog, Filmschaffende zu werden und sich dafür in einem kleinen Haus in Étagnières bei Lausanne einzurichten. Entgegen ihren Erwartungen blieb ihrem nächsten, mit professionellen Ambitionen realisierten Puppenfilm eine kommerzielle Auswertung jedoch versagt, und in Fachkreisen fand zwar ihre Arbeit Anerkennung, weniger aber das Werk selbst. Der Realität gehorchend legten sie Puppen und persönliche Projekte fürs erste beiseite. Gisèle nahm ihren Beruf als Apothekerin wieder auf, versuchte sich aber gleichzeitig mit zunehmendem Erfolg als Autorin von Hörspielen, Theaterstücken und Kurzgeschichten, während Nag mit Wochenschau-Beiträgen und technischen Dokumentationen den Einstieg ins weite Feld des Auftragsfilms schaffte.

Gisèle und Nag Ansorge (Bild via cinematheque.ch)

Diese filmische Brotarbeit bot indes beiden immer wieder Gelegenheit, ihre Vorliebe für Animation auch weiterhin auszuleben und mit allen erdenklichen Techniken zu experimentieren. Ihr verdankten sie in der Tat auch die Entdeckung des Materials ihrer Bestimmung: Bei einem Auftragsfilm zum Thema Herzfehler kamen sie auf die Idee, für die Animation des zirkulierenden Blutes Sand zu verwenden – ein lockeres, leicht manipulierbares Material, mit dem sich mühelos zeichnen und das Resultat kontinuierlich modifizieren lässt. Anlässlich seiner Premiere 1967 in Annecy, nach drei weiteren Jahren des Experimentierens und Forschens, wurde ihr erster ausschliesslich mit Sand gemachter Film, «Les Corbeaux», von der Fachwelt wie auch vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen.

«Smile 1+2+3» von Nag Ansorge (1976)

Von da an war Sand gewissermassen das Markenzeichen der Ansorge. Als Materie, die keine eigene Gestalt hat, aber jede annehmen kann, war er in Gisèles Händen nicht nur ein grafischer Werkstoff, sondern prägte auch den Erzählstil und sogar die Wahl der Inhalte, und wurde so zur Essenz eines ausserordentlichen Gesamtwerks von seltener Geschlossenheit. Zu den herausragenden Filmen zählen «Fantasmatic» (1969), «Anima» (1977) und das letzte gemeinsame Werk, «Sabbath» (1991).

Nags zweite Leidenschaft, ein ebenfalls mit Gisèle geteiltes, tief empfundenes Interesse am (Mit-)Menschen, schlug sich nicht nur in seinem Filmschaffen nieder, sondern auch in anderen Formen persönlichen Engagements. So war er unter anderem Mitbegründer der Emmaüs-Gemeinde von Étagnières sowie des Dachverbands des Hilfswerks für die Romandie; Ende 70er-Jahre rief er mit Freunden den Verein Films Plans-Fixes ins Leben, um Personen des öffentlichen Lebens durch orale Geschichtsschreibung mit filmischen Mitteln für die Nachwelt zu porträtieren; und während der 90er-Jahre stellte er sein Wissen den Studierenden der Lausanner Kunstschule und deren Filmabteilung zur Verfügung.

«Sabbath» von Gisèle und Nag Ansorge (1991)

Sein für das Schweizer Animationsfilmschaffen insgesamt wichtigstes und nachhaltigstes Engagement, bedeutender noch als das mit Gisèle geschaffene, weltweit ausgezeichnete Werk, war indessen die Beteiligung an der Gründung der Schweizer Trickfilmgruppe Ende der 60er-Jahre, des einzigen Fachverbandes für Animation in der Schweiz, dessen Geschicke er fast ein Vierteljahrhundert als Sekretär und später Präsident leitete. In dieser Zeit diente er auch als Experte für die Filmförderung des Bundes, wo es ihm gelang, die zuständigen Stellen für die spezifischen Besonderheiten der Animation zu sensibilisieren und so die Grundlagen für deren Produktion nachhaltig zu verändern. Darüber hinaus inspirierte er mit seiner Offenheit, seiner unermesslichen Geduld und seiner sanften Beharrlichkeit die nachfolgenden Generationen von Animationsfilmschaffenden und vermochte in ihnen das Vertrauen zu erwecken, dass es möglich war, in diesem Metier in Würde zu altern.

Ernest, genannt Nag Ansorge ist am Stephanstag, dem 26. Dezember, zwei Monate vor seinem 89. Geburtstag in Lausanne verstorben.

 

Luc Plantier und Michel Froidevaux haben eine Monografie über die Ansorge verfasst, «Pris dans les sables mouvants – Captured In Drifting Sand», herausgegeben vom Centre International du Cinema d’Animation, Annecy 1995, auf Englisch und Französisch, aus Anlass einer Hommage an Gisèle nach ihrem Tod 1993. Das Buch kann hier bestellt werden.

Das (Sand-)animierte Werk der Ansorge wurde 2005 von Nag Film und der Association Films Plans-Fixes auf einer Doppel-DVD gleichen Titels herausgegeben («Gisèle & Nag Ansorge: Pris dans les sables mouvants»), ergänzt mit zwei kurzen Dokumentarfilmen und dem eindrücklichen Interview-Portrait von Nag aus der Plans-Fixes-Reihe. Die DVD kann hier bestellt werden.

Ciné-Portrait Nag Ansorge von Roland Cosandey (französisch, PDF 800 KB)

Cinémathèque suisse – Le fonds d’archives Ansorge (französisch)

Nag Ansorge à la Cinémathèque suisse – Teil 1 (YouTube, französisch)

Nag Ansorge à la Cinémathèque suisse – Teil 2 (YouTube, französisch)

DVD Plans-Fixes: Nag Ansorge – Cinéaste (französisch)