Annecy 2020 virtuell Von Rolf Bächler, 27. Juli 2020

Rolf Bächler im virtuellen Théâtre Bonlieu, Espace 1 - monoposte (a.k.a. Animatorium, Zürich)

Annecy 2020 – Annecy 60 Jahre; Afrika; XXXL; Annecy – ??? Die übliche Mühe beim Finden einer geeigneten Überschrift für diesen Bericht wurde vom alles überschattenden Ihr-wisst-wer/was weggefegt, der innert kürzester Zeit unser Verhalten radikal verändert hat und auch weiterhin unsere Gewohn- und Gewissheiten in Frage stellen wird.


Annecy online

Bis vor Kurzem war das noch völlig unvorstellbar. Erstaunlich, verblüffend, überraschend, was die Verantwortlichen unter der Leitung von Mickaël Marin (Direktor) und Marcel Jean (Künstlerischer Leiter) zustande gebracht haben, und erst noch in nur einem Bruchteil der Zeit gegenüber der herkömmlichen Form des Festivals, ohne Vorerfahrung. Beachtenswert und, hoffentlich, so einzigartig (wörtlich) wie aussergewöhnlich.

Indessen, Mission Impossible. Unnötig, das Ambiente zu bemühen. Obwohl ich bei diesem neuen Modus vom Zutritt ohne Warten oder gar Schlange stehen profitierte, mich bei der Platzwahl sozusagen in der Fürstenloge einrichten und Programme wie auch Verpflegung nach Belieben zusammenstellen konnte. Ich habe sogar einen Hasen aufgestellt, einige Flugzeuge geworfen und Blasengeräusche von mir gegeben, bevor ich den Projektor einschaltete – vergebliche Mühe. Kein Wiedersehen mit Freunden, keine neuen Bekanntschaften, Diskussionen und Debatten auf den Terrassen, Blitz-Transfers zwischen Bonlieu, Centre Courier und Mifa, Autorengespräche mit Frühstück, Einladungen, Aperos, Picknicks, Vernissagen... alles unersetzbar... inklusive die üblichen zehn Kilo-plus an Katalogen, Programmheften und anderen Broschüren, DVD's, Gadgets usw. auf der Rückreise… (das Glas Honig nicht vergessen!)

Das ist, was mit virtuell gemeint ist: die Abstraktion vom Physischen.

Ehrlich gesagt, ich konnte mich nicht daran gewöhnen, nicht in Stimmung zu kommen ohne alles, was dazugehört – der Alltag war zu präsent, das Zuhause zu nah. Rückfragen bei Freunden in aller Welt, die ich meist nur einmal im Jahr treffe, in Annecy, bestätigten mir, dass ich mit dieser Erfahrung nicht allein dastand. In der Folge verlor ich viel Zeit, bis ich mich endlich aufzuraffen vermochte, mich ordentlich einzurichten – als mir klar wurde, dass es eine pure Schuldigkeit war, ein Akt der Anerkennung und Dankbarkeit für die Anstrengungen dieses engagierten Teams, das sich der Herausforderung gestellt hatte, das Festival zu retten. So gelang es mir trotz spätem Start doch noch, wenigstens fast alle Kurzfilmwettbewerbe anzuschauen (mit Ausnahme der Studienabschlussfilme), den letzten Film nur fünf Minuten vor Mitternacht am letzten Tag. Ich brauchte allerdings nicht lange, um zu realisieren, wie viel mehr das wert war als bloss eine Pflichtübung.

Zum Glück, weil: Wie weiterleben, ohne «The Physics of Sorrow» von Theodore Ushev gesehen zu haben, produziert vom National Film Board of Canada? Gleich dreimal hintereinander? (das Online-Festival lebe hoch!) Fast eine halbe Stunde in einem Zug, intensiv, fesselnd, stupend, meisterhaft: Die Adaption des autobiografischen Romans eines bulgarischen Landsmanns – oder eher inspiriert davon – über das gemeinsame Schicksal von Auswanderern nach Kanada.


«The Physics of Sorrow» von Theodore Ushev (CA, 2020)

Ein Meisterwerk

Da der Inhalt die Vergangenheit und die Erinnerung betrifft – insbesondere an den Vater –, suchte Ushev nach einer adäquaten Umsetzungsmethode und stiess dabei auf die Enkaustik, die ihm sein Vater beigebracht hatte. Diese nach heutigem Verständnis älteste bekannte Malmethode geht bis auf die Zeit der Pharaonen zurück und basiert im Wesentlichen auf mit Bienenwachs gebundenem Pigment. Dieses wird in heissem Zustand aufgetragen und kühlt auf dem Bildträger – im gegebenen Fall Papier – sehr schnell ab, was zu sehr schnellem Arbeiten nötigt, somit die Detailgenauigkeit einschränkt und praktisch verunmöglicht, alle Spuren zu verwischen. Durch erneutes Erhitzen wird die aufgetragene Farbe jedoch wieder malfähig, was das fortlaufende Retouchieren ermöglicht – und damit die Animation.

Es ist nicht nur diese Methode des Animierens, die schnell einmal an William Kentridge erinnert, der dafür Holzkohle und Kreide verwendet. Auch dessen Thema ist die Erinnerung, allerdings eher betreffs Herkunft, Kultur und Gesellschaft als (auto-)biografisch, und dezidiert politischer. Beide teilen einen lyrischen Ansatz, wobei der südafrikanische Grossmeister eher distanziert kontemplativ bleibt, während uns Ushev in seinem neuesten Werk in einen dynamischen Wirbel entführt, aus subjektiver Sicht, oft ungezügelt und traumhaft, geprägt von einem ausdrucksstarken Realismus. Er bedient sich symbolischer Objekte als Talisman gegen flüchtige Erinnerungen, genau wie Kentridge – im Bildraum isoliert und in rote Konturlinien eingefasst wie oft bei diesem: Zufall oder nicht?

Was den Einsatz von Farben betrifft, ist dies allerdings die einzige Überschneidung und führt direkt zum markantesten Unterschied: Kentridge ist ein Zeichner, der Linie und dem Schwarz der Holzkohle verpflichtet, neben der nur noch blaue und rote Kreide Platz hat – Ushev ein Maler mit akademischem Hintergrund, als Kolorist in allen Stilen gewandt; dem Thema der Erinnerung entsprechend entschied er sich im vorliegenden Fall für einen flüchtigen, expressionistischen Farbauftrag in einer verblasenen Palette.

Ungeachtet dieser Gemeinsamkeiten – Referenzen? –, die zum Vergleich einladen, zeigt sich Ushev mit diesem seinem ersten mittellangen Film als souveräner Meister auf dem Höhepunkt seines Könnens, der sich darüber hinaus auch durch den Reichtum seiner Arbeit bezüglich der Vielfalt an Themen und Genres ebenso wie der visuellen und kinematografischen Gestaltung auszeichnet. Nicht überraschend wurde er dafür in Annecy mit dem Grossen Preis, dem Cristal du court métrage ausgezeichnet (sowie auch mit dem Prix FIPRESCI der internationalen Filmpresse).

(PS: Der Regisseur erscheint einmal kurz in einer Einstellung, wie einst Hitchcock.)

Ebenfalls in Erinnerung geblieben

Auch wenn «The Physics of Sorrow» in meiner Wahrnehmung alles andere überragte, hat mich in der Ausgabe Annecy 2020 noch etliches anderes berührt und/oder beeindruckt – Filme, bei denen ich die ausserordentliche Möglichkeit des Online-Festivals ausnützte, sie mehr als einmal anzuschauen.

Adrien Mérigeaus «Genius Loci» erzählt nicht, sondern vermittelt uns eine sinnliche existentielle Erfahrung: Wie es ist, wenn man das, was man erlebt, nicht augenblicklich entschlüsselt, deutet, einordnet (woraus sich das ergibt, was wir für gewöhnlich als Realität bezeichnen), sondern primär als pures Erlebnis wahrnimmt.

Das geschieht nämlich der Protagonistin, die wir so durch eine Nacht begleiten. Ihre irritierende Passivität – Gleichgültigkeit, Unwille, Unfähigkeit? –, auf Ereignisse adäquat (nach unserem Empfinden) zu reagieren, ja überhaupt nicht auf sie einzugehen, hat allerdings etwas Verstörendes. Nicht erst, als diese so ins Absurde, ins totale Chaos abgleiten, dass sich die Grenze zum (Alb-)Traum, zur delirischen Wahrnehmung verwischt, kommt die Ahnung von Halluzination auf. Geht es um psychedelische Substanzen? Oder sind wir Zeugen einer Psychose wie bei einer schizophrenen Störung, allzu oft deren Folge? Der Autor entzieht sich einer Klarstellung. Aber so anschaulich, nahe an dem, was ich von Personen mit solcher Disposition weiss, sah ich das noch nie – etwas, was nur Animation so unmittelbar und mit solcher Intensität vermitteln kann.

Und wie schön es ist, das anzuschauen! Alles von Hand animiert, auf Papier gezeichnet und gemalt und dann digital zusammengesetzt. Bei der dramaturgischen Umsetzung hielt sich der Regisseur an die Vorstellung, ein Skizzenbuch durchzublättern, das auf der Ausführungsebene von losen, undechiffrierbaren Skizzen bis zu ausgearbeiteten Studien, ja "fertigen" Bildern alles enthält, in verschiedensten Stilen und ohne jede erkennbare Ordnung zusammengewürfelt, dessen einzige Konstante somit in der Urheberschaft besteht. Ein intuitives Gedicht, das dem Fluss der Wahrnehmung folgt.

«Genius Loci» hat bereits bei seiner Premiere in Angers (F) seinen ersten Preis abgeräumt und sammelt seither eine Auszeichnung nach der anderen. In Annecy war das eine lobende Erwähnung der Jury. Mein Lieblingsfilm.

«Genius Loci», Adrein Mérigeau (FR 2019)

«Homeless Home» von Alberto Vázquez Rico ist vor allem eins: Schwarz, weiss und blutrot. Genauer, eine düsterste Fantasy-Geschichte in einer trostlosen, finsteren Welt, belebt von ebensolchen, silhouettenhaften Fabelwesen wie Hexen, Menschenfresser, Orks und dergleichen. Im Umgang miteinander von schroff über gefühllos bis gewalttätig, tun sie (oder zumindest einige von ihnen) sich hinter ihrer stereotypen, dem Genre verpflichteten Maske allerdings – ganz menschenähnlich – mit ihrem unerbittlichen Schicksal äusserst schwer, so dass sie zuletzt sogar fast ein bisschen ans Herz rühren. Annecy 2020: Preis der Jury.

«Já-Fólkið» («Ja-Leute») des Isländers Gísli Darri Halldórsson zeigt, in welchem Mass die gesprochene Sprache weit über die reine Wortbedeutung hinausgeht. In der Tat ist der Tag der Bewohner eines Wohnblocks – zwei Ehepaare und eine alleinstehende Mutter mit halbwüchsigem Sohn – so von Alltagsroutinen und Angewohnheiten bestimmt, dass für ihre Kommunikation ein einziges, dazu erst noch einsilbiges, in verschiedenen Schattierungen artikuliertes Wort reicht: Ja. Die etwas klischierte Exposition, wie sie aneinander vorbeileben, untergräbt schnell allfällige Sympathien. Das erweist sich aber als kalkuliert, um nach und nach, dank mit trockenem Humor subtil eingefädelten Einsichten in ihre verschütteten Sehnsüchte nach Zuwendung und Erlösung aus der Vereinsamung, eine gewisse Empathie wieder zu erwecken. Dabei hilft die digitale 3D-Animation, welche die gleiche Kurve sachte nachvollzieht, indem sich das zu Beginn automatisiert wirkende, für diese Methode typische Standartverhalten zunehmend in Richtung nuanciertes Charakterspiel wandelt.


Zahlen und Fakten

2013, bei seiner Ankunft als künstlerischer Leiter des Festivals, hatte Marcel Jean das Selektionssystem mittels geladener Experten und Koryphäen der internationalen Animationsszene, wie es seit den Anfängen von Annecy und auch anderswo üblich war, durch einen internen Ausschuss ersetzt, das Team für Filme & Programmierung. Von da an sorgte dieses unter seiner Leitung für eine editoriale Linie, wie sie angesichts der weltweit wuchernden Ausbreitung von Festivals unverzichtbar geworden war. Bezüglich Geschlecht: alles Männer. Bis zum letzten Jahr, heisst das, als das Quartett um die gleiche Anzahl externer Expertinnen erweitert wurde: In der Folge des Themas "Frauen und Animation", 2015 von Annecy selbst lanciert, hatte das Festival 2018 die Charta für Parität und Vielfalt bei Filmfestivals unterzeichnet. Dass dieses Jahr erneut dasselbe Team berufen wurde, lässt auf ein langfristiges Engagement schliessen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass die gesamte Auswahl jetzt von diesem ausgewogenen Plenum getroffen wird. Je nach zu bewertender Kategorie besorgen dies vielmehr kleine Teams von zwei bis vier Personen in unterschiedlicher Zusammensetzung, darunter immer eine der vier Frauen. Mit anderen Worten, Frauen sind in jedem Fall an der Auswahl beteiligt, wenn auch immer in der Minderheit.

Was heisst das für das Programm?

Bezüglich Geschlecht in Sachen Regie war die Auswahl bei den Kurzfilmen, 122 alle Programmkategorien inbegriffen, fast ausgeglichen, die Frauen mit 49% sogar an der Spitze gegenüber 47% Männern und 4% gemischten Teams. Nimmt man die 44 Schulabschlussfilme aus, sinkt die Frauenquote auf 39% (56% Männer, 5% gemischt), während sie bei den Produktionen aus Ausbildungsstätten auf über zwei Drittel steigt (68% weiblich, nur 30% männlich, 2% gemischt) – etwas über dem üblichen Anteil bei vielen der letzteren.

Die Kehrseite der Medaille dafür bei den Langfilmen (zwei Kategorien zu je 10): 90% Männer (zwei Frauen in der Nebenkategorie "Contrechamps"). Ich gehe davon aus, dass der Auswahlausschuss nicht viel dagegen ausrichten konnte, sondern dass dies eher auf das Angebot bzw. den lamentablen Stand der Dinge in diesem Bereich zurückzuführen ist. Gleiches gilt für die anderen Kategorien kommerziell ausgerichteter Produktionen, jener für den TV-Programmmarkt (75% Männer, 20% Frauen, 5% gemischt) und reine Auftragsfilme (etwas weniger krass, 71% / 23% / 3%).

(Die tatsächliche Verteilung unter den Einsendungen ist mir nicht bekannt.)


Heimisches Schaffen

In Sachen Gender war die Schweiz dieses Jahr vorbildlich: je zwei Filme von Autorinnen aus der Deutschschweiz und der Romandie, gegenüber nur einem Autor (Romand) – einer im Hauptwettbewerb für Kurzfilme, zwei in der Kategorie Off-limits und zwei Studienabschlussfilme.

«Average Happiness» von Maja Gehrig war dieses Jahr der einzige Schweizer Beitrag, der die Selektion für den Wettbewerb um den Cristal für Kurzfilme schaffte. Als Gewinner des Schweizer Filmpreises 2020 muss er wohl kaum mehr vorgestellt werden, gegen das freudige Wiedersehen mit dem Dokumentarfilm zum Sexualleben statistischer Diagramme war indessen nichts einzuwenden – genauso wenig wie das nächste Mal in Baden, am Fantoche (so wollen wir doch hoffen, was übrigens für alle hier erwähnten Filme gilt).

«Average Happiness», Maja Gehrig (CH, 2019)

«Aletsch Negative» der Walliser Fotografin und Filmemacherin Laurence Bonvin, an seiner Première an den Kurzfilmtagen Winterthur und als Vorfilm in Solothurn bei uns bisher kaum beachtet, wurde nach der Berlinale in Annecy bereits zum zweiten Mal für ein bedeutendes internationales Festival selektioniert. In ihrem Erstling in Sachen Animation hat die Autorin den grössten Gletscher des Alpenmassivs nicht, wie sonst üblich, von aussen in seiner (noch) monumentalen Grösse ins Bild gesetzt, sondern ist in sein Inneres vorgedrungen, wo sich das Schmelzwasser unter dem Eis zu einem Sturzbach sammelt. Die Tonspur begleitet die filmische Erforschung dieses archaischen Universums, dessen Tage gezählt sind, mit einem Crescendo vom Knistern und Knacken der talwärts kriechenden Eismasse, dem Rieseln und Bullern des abgehobelten Gesteins, und vom Tropfen zum Tosen des Wassers, der dieses ausschwemmt. Durch die Umkehr des Bilds ins Negativ wird alles Helle düster und macht das filmische Ereignis zum Fanal des Verschwindens der Alpengletscher insgesamt, gemäss Wissenschaft bis Ende dieses Jahrhunderts. Genau für diese Art filmischen Schaffens mit Animation, die mit klassischen Begriffen wie "experimentell" nur unzureichend erfasst wird, hat Annecy ein eigenes Programmgefäss geschaffen: Off-limits.

Die Werkgruppe «Aletsch Negative», zu welcher der Film gehört, wird übrigens vom 18. September bis 25. Oktober 2020 im Kunstraum Kreuzlingen ausgestellt.

«Aletsch Negative», Laurence Bonvin (CH, 2019)

«My Dear Lover» von Milva Stutz, in der gleichen Kategorie zu entdecken, ist eine Untersuchung des Verhältnisses von Analog und Virtuell anhand der intimsten Form des Kontakts unter Menschen, der sexuell konnotierten Liebkosung. Während eine weibliche Stimme als Absenderin einen Liebesbrief voller Verlangen vorliest, konfrontiert die Autorin die wohl haptischste Animationsmethode überhaupt – Plastilin – mit ihrem extremstem Gegenpol, der räumlichen Simulation bewegter Vorgänge und Ereignisse mittels computergenerierter Bildgebung, kurz digitaler 3D-Animation. Was ist die Realität von Berührung, Gefühl, Intimität – physikalisch, sinnlich, emotional? – Was sie wohl nicht mal im Albtraum geahnt hatte: welch beklemmende Aktualität das Thema zum Zeitpunkt der Veröffentlichung haben würde (und die internationale Première am Wiener Tricky Women Festival im vergangenen März vermasselte).

«My dear lover», Milva Stutz (CH, 2019)

«Tente 113, Idomèni» («Zelt 113, Idomeni»), Henri Marbachers animierter Dokumentarfilm, seine Abschlussarbeit an der HEAD Genf, folgt dem Bericht eines jungen kurdischen Flüchtlings über seine mehrjährige Irrfahrt aus dem kriegsgeplagten Syrien bis in die Schweiz. Wie schon erwähnt, hat mich mein schleppender Start beim Visionieren leider darum gebracht, auch die Studienabschlussfilme anzuschauen. Schande! Bitte um Entschuldigung. Meine ganze Hoffnung liegt bei Fantoche.

«Tente 113, Idomèni», Henri Marbacher (CH, 2020)

«Inès», der andere Schweizer Beitrag zu dieser Kategorie (und einer der wenigen, die ich trotzdem gesehen habe), ist der Diplomfilm der Genferin Élodie Dermange an der Poudrière in Valence – weswegen er überall auch gar nicht als Schweizer, sondern als französische Produktion aufgeführt wird. In ihrem frischen, handschriftlichen Stil – sie animiert nicht mit Schlüssel-Posen und Intervallen, sondern von Bild zu Bild, mit Stift und Farbe auf Papier – reflektiert sie ein ernsthaftes Thema, das sie aus eigener Erfahrung kennt: die Abtreibung, oder vielmehr das Wechselbad von Gemütszuständen vor dem entscheidenden Tag, für welches sie in einem Nachtfalter eine wirkungsvolle Metapher findet für die Gleichzeitigkeit von Angst und Verletzlichkeit, Hoffnung und Schrecken, das Unfassbare und das Flattern im Magen.

«Inès», Elodie Dermange (FR, 2019)
Epilog (Souvenir an Annecy virtuell)