Annecy 2021: Starke Schweizer Vorstellung Von Rolf Bächler, 25. Juni 2021

Marcel Jean bei der Ankündigung der Ausgabe 2022: Die Schweiz als Gastland!

Wie schon vergangenes Jahr war das grosse Festival der Festivals lange Zeit der beklemmenden Ungewissheit ausgesetzt, in welcher Form es stattfinden würde (bzw. dürfe). Anders als im klassischen Drama traf die schlimmstmögliche Wendung glücklicherweise nicht ein, so dass Annecy 2021 "hybrid", also zweigleisig online und vor Ort durchgeführt werden konnte, wenn auch mit beträchtlichen Einschränkungen auf beiden Schienen. Der Druck von allen Seiten war enorm. Vor allem die Fachmesse Mifa, wichtigste Drehscheibe für alles, was mit der weltumspannenden Berufs- und Businesspraxis zu tun hat, musste dafür enorme Beeinträchtigungen in Kauf nehmen. Es scheint aber, die Festivalleitung habe das Bestmögliche aus der Situation herausgeholt. Immerhin rund 4'000 Akkreditierte begaben sich physisch vor Ort (ein Drittel der Zahl vor Covid), und ebenso viele nutzten die virtuelle Option.

Selbst war ich erneut nur auf Distanz dabei, weil ich, wegen der Unwägbarkeit des Pandemieverlaufs und der Ungewissheit rechtzeitiger Impfung Monate im Voraus, keine Kostenverpflichtungen für den Aufenthalt eingehen mochte. (Ein drittes Mal werde ich das allerdings kaum mehr mitmachen, weil ich alle negativen Aspekte meiner letztjährigen Erfahrung – nachzulesen im Animix n°58 / August 2020 – als noch akzentuierter empfand. Online sucks, wie der Amerikaner sagt.)

Nun denn. Annecy holte heuer sein eigenes, Covid-bedingt aufgeschobenes 60. Jubiläum ebenso nach wie die Ehrung des Animationsfilmschaffens des afrikanischen Kontinents – mit der Folge, dass unsere datumsgerecht zum diesjährigen Jubiläum 100 Jahre Schweizer Animation vorgesehene Einladung als Gastland dafür nächstes Jahr zum Zug kommt, wie der Festivalleiter Marcel Jean an der Abschlussgala verkündete.

Die erste Werbung dafür hätte besser allerdings kaum ausfallen können, als wie sich unser auch animationsmässig kleines Land an der diesjährigen Ausgabe präsentieren durfte, mit Krönung am letzten Tag anlässlich der Preisverleihung. Was für Geburtstagsgeschenke:

Acht Filme für verschiedene Wettbewerbe selektioniert! Zwei mit Hauptpreisen ausgezeichnet, «Écorce» von Samuel Patthey und Silvain Monney mit dem «Cristal du court métrage» (Autorenkurzfilme), «Vanille» von Guillaume Lorin – eine französisch-schweizerische Koproduktion von Folimage und Nadasdy Film – mit jenem für TV-Produktionen!

Bescherung auch für Nadasdy Film: Das 2001 vom Autor-Regisseur-Animator Zoltán Horváth und dem Produzenten Nicolas Burlet gegründete Genfer Studio war zu seinem 20. gleich mit fünf Titeln im Rennen – neben «Vanille» mit zwei weiteren Koproduktionen, die ebenfalls prämiert wurden, sowie zwei Eigenproduktionen. Erstere holten je einen von 13 Spezialpreisen ab – «Kiko et les animaux» (auch koproduziert mit Folimage) den Preis für das junge Publikum, «Un caillou dans la chaussure» (mit Xbo Films) jenen der «Jury Junior Canal+»; Marcel Barellis «Dans la nature» schliesslich lief wie «Écorce» im Kurzfilm-Wettbewerb, und «Bémol» von Oana Lacroix in jenem für das junge Publikum, wie «Kiko et les animaux» und «Un caillou dans la chaussure».

Abgerundet wurde der starke Schweizer Auftritt mit Georges Schwizgebels «Darwin's Notebook» im Kurzfilm-Hauptwettbewerb sowie, einzige Beteiligte aus der Deutschschweiz, Joana Fischer und Marie Kenovs «Sweet Nothing» im Wettbewerb für Studienabschlussfilme (HSLU).

Betreffs Auszeichnungen rangiert die Schweiz mit vier Auszeichnungen (davon 2 grenzüberschreitende Koproduktionen) somit gleich auf Platz Zwei nach Frankreich (16!, 12 davon Koproduktion), ex-aequo mit Deutschland (2) und Norwegen (3).

Auch bei der Selektion für alle Kurzfilmkategorien (also ohne TV- und Auftragsproduktionen) liegt unser Land in einem Feld von 47 Nationen mit sieben Beiträgen ganz vorne, an dritter Stelle hinter der Grande Nation (30! Heimvorteil lässt grüssen) und Kanada (8), ex-aequo mit unserem nördlichen Nachbarn.

Wenn das keine Bilanz ist!

(Anmerkung: Die Statistik nach Provenienz basiert auf dem Online-Verzeichnis, letztlich also den entsprechenden Angaben in den Anmeldeformularen. Daraus ist nicht ersichtlich, ob sich diese auf die Herkunft der Urheberschaft beziehen, auf die Anteile an der Herstellung oder die Finanzierung, was eine prioritäre Zuordnung unmöglich macht. Von den 130 Titeln sind 17 als internationale Koproduktionen von zwei Ländern, 2 von drei, also entsprechend oft aufgelistet.)

Im nächsten Animix: Annecy 2021 / Teil 2 – Besprechung einiger Werke sowie weitere Überlegungen und Anmerkungen.