Annecy 2022:
Die Wiederauferstehung
Von Rolf Bächler, 18. August 2022

Hut ab! (1)

Schon Wochen vor Festivalbeginn lautete die Schlagzeile: Schweizer Teilnehmerrekord in Annecy 2022, dem weltweit grössten und bedeutendsten Anlass für Animation – 14 kurze und ein Langfilm für die diversen Wettbewerbe des diesjährigen 46. Festivals selektioniert! Fast das Doppelte des Vorjahrs (mit 8 die bis dahin höchste Teilnehmerzahl) – und (Fanfaren!) ein Drittel davon kam mit insgesamt sieben Auszeichnungen zurück!

Festivaltrailer von Marjolaine Perreten und Frederic Siegel

Mitgezählt sind auch minoritäre Koproduktionen, was anzeigt, dass die Schweiz möglicherweise daran ist, diesbezüglich Terrain gutzumachen, was wiederum Hoffnungen nährt, endlich die Isolation in Europa überwinden zu können (auch wenn es noch zu früh ist, darauf zu wetten). Schon gut aufgestellt sind diesbezüglich die Pioniere von Nadasdy Film in Genf, unter anderem mit dem zweifach prämierten Langfilm «Interdit aux chiens et aux Italiens» («Italiener und Hunde verboten») des Franzosen Alain Ughetto, der die Geschichte der Emigration seines Grossvaters von Italien nach Frankreich – mit einem Umweg durch den Simplon-Tunnel – mit Plastilinfiguren nachspielt (Preis der Jury und Preis der Fondation Gan zur Unterstützung des Verleihs). Aber auch die Zürcher von Dschoint Ventschr bestätigen ihr entsprechendes Engagement mit dem Kurzfilm «Paolos Glück» der Deutschen Thorsten Droessler und Manuel Schroeder (Kurzfilmwettbewerb für das junge Publikum).

Nicht für die Schweiz mitgezählt, sondern nur für Grossbritannien, war dafür «Do Not Feed the Pigeons» des Lausanners Antonin Niclass im Wettbewerb der Studienabschlussfilme (National Film & Television School London).



Hut ab! (2)

14 war auch die Zahl der Programme zu Ehren der Schweizer Animation als Gastland des Festivals, darunter als Vorpremieren je ein Mittel- und ein Langfilm, «Sur le pont» («Auf der Brücke») von Sam und Fred Guillaume sowie «Jungle rouge» («Roter Dschungel») von Juan José Lozano und Zoltán Horváth. Mit einem Jahr Verspätung auf unser 100-Jahr-Jubiläum (Covid…) war dies, mit Ausnahme von Frankreich selbst, die umfangreichste Präsentation in dieser Programmkategorie seit ihrer Einführung vor gut zwei Jahrzehnten.

Abgerundet wurde die Auswahlschau zudem mit der Open-Air-Vorführung am See der beiden in früheren Jahren prämierten Spielfilme «Ma vie de Courgette» von Claude Barras (Cristal 2016) und «Max & Co» von Sam und Fred Guillaume (Publikumspreis 2007). Den Schlusspunkt setzte Marcel Jean an der Abschluss-Gala mit dem nicht angekündigten Sneak-Preview von «Fun-Doo», einer ätzenden Satire über die Schweiz und den European Song Contest von Jonas Raeber (von wem sonst?).

Als besondere, exklusive Ergänzung präsentierte das Festival zudem ein Kino-Konzert von Vater und Sohn Schwizgebel im vollbesetzten grossen Saal des Schlosses von Annecy. Dabei wechselten sich Live-Darbietungen von Louis und Filme von Georges ab, bei denen sein Sohn musikalisch involviert war. Den Höhe- und Schlusspunkt setzte Louis mit dem live zur Projektion gespielten «Erlkönig».

Sollte es trotz dieses breiten Angebots immer noch Zuschauer in den Kinosälen gegeben haben, denen die Sache betreffs Gastland warum auch immer entgangen wäre: Der obligate Festival-Sponsoren-Trailer zur Eröffnung jeder einzelnen Veranstaltung sorgte dafür, dass es während des Festivals und darüber hinaus nicht mehr vergessen würde. Frucht der welsch-deutschschweizerischen Allianz Marjolaine Perreten und Frederic Siegel (respektive Nadasdy Film und Team Tumult betreffs Produktion), schuf er vom ersten bis zum letzten Anlass jedes Mal eine heitere, unbeschwerte und gelöste Stimmung – ein optimaler Start für was immer das Publikum danach erwartete. Zudem stellte er gleich klar, dass Animation Made in Switzerland den mit der Ehrung geweckten Erwartungen locker gewachsen ist.



Hut ab! (3)

… und zum Schluss: weit über 400 – das ist die Anzahl Einträge, die beim Anklicken der Liste akkreditierter Teilnehmender mit Filter Schweiz im Network-Bereich der Festival-Website erscheint: aller Wahrscheinlichkeit nach unsere zahlreichste Präsenz je!

Die beeindruckende Delegation bestand aus

  • 45% unabhängigen Professionellen (Indépendants), Mitarbeitenden von Studios (knapp dreissig von Nadasdy) und Produzenten
  • einem Drittel Studierender samt einem Dutzend Dozierender von Animationsausbildungsstätten (HS Luzern – inklusive Direktorin –, SAE Institute Genf sowie Ceruleum und Canvas, Lausanne);
  • zwölf Vertreter der öffentlichen Hand (2 des Bundesamts für Kultur, 10 der Genfer Regierung)
  • sieben Journalisten (einer aus der Deutschschweiz) – weniger als die Hälfte als zu meinen diesbezüglichen Anfängen vor einigen Jahrzehnten;

  • sieben Kinder (in der Animation aktiv?)

  • sowie Vertreterinnen und Vertreter von Festivals, TV, Verleih und diversen Institutionen (Cinémathèque, Swiss Films, etc.), u.a.



Who the Cap Fit, Let Them Wear It…

(Wem der Hut passt, soll ihn auch tragen…)

Ja, Covid. Der große Schatten, welche Überraschung (inzwischen schon gar kein Thema mehr). Ein Super-Spreader-Event zusammen mit Zagreb in der Vorwoche, von wo die Gerüchte schneller reisten als jene Festivalbesucher, die das Doppel machten. Zwei aus Übersee anreisenden Filmemacherinnen mit einem Film im Annecy-Kurzfilmwettbewerb mussten die ganze Woche eingesperrt im Hotelzimmer verbringen, nachdem sie bei einem Zwischenstopp im Transitbereich des Amsterdamer Flughafens einem aus Zagreb heimkehrenden Kollegen begegnet waren. Wie viele Besucher (Rekordbeteiligung!) nach dem Festival in Quarantäne mussten, ist unbekannt, aber fast das ganze Kernteam von Annecy gehörte dazu.

Auch ich bin dem Virus nicht entgangen, wie sich bald nach der Rückkehr zeigte. Nach zwei Tagen mit etwas komischem Magen blieb jedoch nur noch ein leichter, nervöser Husten, und ich tippte diesen Bericht allein in meinem stillen Arbeitsort am Rande des kleinen sonnigen Parks, als wäre (fast) nichts geschehen. (ok, Dreifach-Vax.)



Bild für Bild

Nun, das Ganze war eine doch sehr eigenartige Erfahrung, gelinde gesagt. Schon bei der ersten Begegnung mit der Festivalrealität am Sonntag musste ich feststellen, dass ich in den Jahren eingeschränkter sozialer Kontakte offenbar eine Art Soziophobie entwickelt hatte (oder vielleicht hat sie sich nur akzentuiert), indem ich mich immer etwas ungemütlich fühlte, mich in einer Menschenmenge wiederzufinden. Und das blieb so während des ganzen Festivals.

Glücklicherweise vertrug sich das gut mit meinem Wunsch, lieber möglichst viele Vorstellungen zu besuchen als in geselligen Runden zu weilen. Erst im Nachhinein wird mir klar, dass ich in der Tat die paradoxeste Strategie gewählt habe: die Flucht in die oft bis zum Rand gefüllten Säle (von wegen Menschenmassen…!). Das subjektiv gelebte Erlebnis war jedoch das pure Gegenteil: die bedingungslose Realitätsflucht, hin zum Vergnügen, mich allein in den Universen und Fantasien anderer zu verlieren, um sie fernab der Realität Bild für Bild zu leben. Und wie ich diesen Moment mit Ungeduld erwartete!



3, 4, 5 …

Zum besseren Verständnis: 2019 war das 3. Festival, das ich seit meinem allerersten auslassen musste, in fast fünf Jahrzehnten – ein Prioritätenkonflikt. Dann kam Covid, somit ist 4 die Anzahl Jahre seit meinem letzten Annecy-Besuch, 2018. Obwohl ich mich sehr bemühte, an den zwei Festivals online teilzunehmen (ein reduziertes Angebot, ohne Spielfilme u.a.), war es viel zu weit vom realen Erlebnis in Fleisch und Blut entfernt, um ernsthaft zu zählen, also stieg die Zahl der Absenzen auf 5. Umso grösser nun die Vorfreude!

Die Woche verging somit wie in einer Dauertrance mit einer Intensität nahe dem Traum (oder Delirium?), wobei sich der Alltag quasi auf das Wechseln der Säle reduzierte. – Lag es an meinem ausgehungerten Zustand, oder eher am überbordenden Angebot an Imagination auf den Kinoleinwänden? Egal! Im Moment glaube ich jedenfalls immer noch, am anregendsten und bereicherndsten Festival seit sehr, sehr langer Zeit teilgenommen zu haben.



… and Lift Off: Requiem für einen lebenden Verstorbenen

> Rewind / erster Tag / erste Vorstellung der Wettbewerbskategorie „L’officielle“ (Kurzfilm-Wettbewerb) / erster Film: «Miracasas» von Raphaëlle Stolz, für die Schweiz (schau an!) und Frankreich (warum kenn ich die nicht?)

Es begann allerdings mit einem Patzer. Im grossen Saal des Beaulieu-Theaters, am Montagmorgen um zehn Uhr, war der erste Film in der Königskategorie der Kurzfilme gerade dabei, seine Geschichte zu entfalten. Mit einer Leiche in einem wie eine Hängematte an eine Stange geknüpften Leintuch hasteten zwei üble Typen durch die Macchie, in Richtung eines Kaffs zuhinterst in einem verlorenen Tal, als plötzlich der Projektor ausging und Marcel Jean auf die Bühne eilte, sich für ein technisches Problem von wegen falschen Farben entschuldigte und versicherte, der Film würde am Ende der Vorstellung in korrekter Form nachgeholt.

Welch ein Albtraum für die Realisatorin! Statt das Festival mit einem Paukenschlag zu eröffnen, sich genötigt zu sehen, gerade rechtzeitig noch einzugreifen, um ihr Erstlingswerk als unabhängige Autorin vor dem Absturz zu retten! Der „Teaser wider Willen“ hatte es aber trotz Falschfarben bereits geschafft, allfällige Vorbehalte, sich nicht zu früh zu schnell zu entgegenkommend vom erstbesten Filmstück einnehmen zu lassen, wegzufegen und eine vielversprechende Erwartungsspannung aufzubauen. Dennoch ist nicht auszuschliessen, dass es auch ihr Pech war: Denn die Filme, die im Programm unmittelbar folgten, hatten ebenfalls das Zeug, um im Wettbewerb vorne mitzumischen und die Jury zu überzeugen, wie sich am Ende herausstellte. (Aber was wissen wir schon?)

Der erste visuelle Eindruck von «Miracasas» ist eine ausgesprochen ausdrucksstarke, handschriftliche und detaillierte Zeichnung, kombiniert mit einer üppigen Palette (leider! siehe oben). Die Geschichte entfaltet sich auf verschiedenen Erzählebenen: zuerst der einfache Ablauf der Ereignisse in der Gegenwart; aber auch das Erwachen des Bewusstseins des Protagonisten, wie er überhaupt in diese Situation passiver Hilflosigkeit geraten war; und schliesslich, was die Dorfbewohner glauben, dass ihre Handlungen bewirken. Ich verzichte darauf, mehr zu verraten, nur dass es eine Geschichte ist, die ebenso hektisch wie dramatisch, urkomisch wie heilig-ernst, wütend wie berührend ist. (> Wiedersehen am Fantoche im Wettbewerb!)

Kommentar von Raphaëlle Stolz
Variety: Interview mit Raphaëlle Stolz

Trailer, «Miracasas», von Raphaëlle Stolz (FR/CH 2021)


Das Leben als Paar

Erster Tag / erste Vorstellung von „L’officielle“ / Fortsetzung: «Steakhouse», von Špela Čadež, für Slovenien, Deutschland und Frankreich (als Ersatz für «Miracasas» als ersten Film).

Ein Mann (Hausmann?) in der Küche. Zufrieden mit sich selbst, aber auch mit heiligem Ernst, macht er sich daran, das zu tun, was Männer dort gerne (und ihrer Meinung nach am besten) tun: ein Steak zubereiten. Wiederholte Blicke auf die Uhr zeigen an, dass er nicht nur sein Vorgehen, sondern auch die geplante Zeit des Auftragens genauestens im Auge behält.

Soweit die Exposition. Die eigentliche Geschichte beginnt mit der Einführung des erwarteten Gasts (erraten!): seiner Ehefrau. Sie hat gerade eben ihren Schreibtisch aufgeräumt und eilt zum Ausgang, als sie von ihrer Bürogemeinschaft mit Schaumwein abgefangen wird: Happy Birthday!

Selten war der Terminus „Kollision“ gemäss Aristoteles’ „Poetik“ für diesen Wendepunkt in der Erzählung so treffend: das Steak geht aus den Fugen! Natürlich bleibt die Verspätung vom Gatten nicht unbemerkt, genauso wenig wie uns sein anschwellender Missmut darob, während der Qualm des bei lebendigem Leib hingerichteten Edelstücks von der Küche bis in den Kinosaal quillt.

Als die, der eigentlich die Rolle als Protagonisten zugedacht war, zu Hause ankommt, gibt es nichts mehr zu sagen. Blicke genügen. Die Strafe ist grausam. Dramatisch langsam, unerschütterlich und mit Todesverachtung verzehrt er knirschend die für seine nichtswürdige Frau zubereitete, mittlerweile jedoch verkohlte Opfergabe, sie ihrer bodenlosen Verzweiflung überlassend.

Schuld und Sühne heisst ein anderes berühmtes Drama. Was und wie uns dabei als Höhepunkt (Klimax!) in diesem klassischen Dreiakter aufgetischt wird, verbietet sich, an diesem Ort verraten zu werden – Recht auf Selber Sehen (> Fantoche!). Nur so viel noch: Selbst die Jury konnte sich diesem neuesten Erlebnis einer Überraschungsmahlzeit nicht ohne Reaktion entziehen – Jurypreis!

Aufschlussreich und absolut sehenswert: Making-of «Steakhouse»


Besuch einer verlorenen Heimat

«Taaskohtumine», von Ülo Pikkov, für Estland
Seit meiner frühesten Kindheit ist Kauderwelsch meine Lieblingssprache (na ja, wir haben alle damit angefangen). Und ich erfreue mich immer noch an Sprachen, die diesen Genuss am Unsinn zu wecken vermögen – obwohl klar ist, dass es nur ein kleiner Moment des Vergnügens ist, bevor sie sich als das banale und praktische Kommunikationsmittel offenbaren, das dahinter steckt und darauf wartet, entweder verstanden oder übersetzt zu werden. Generell freue ich mich an Dingen, die vorgeben, etwas anderes zu sein, kurzweg das Universum neu definieren, das des Wissens und des Erkennens, und damit die Wahrnehmung und Vorstellungskraft herausfordern. Anders gesagt, ich bin völlig im Bann von Ülo Pikkovs neustem Film, angefangen beim Titel (Estnisch, ins Französische übersetzt als «Ein Treffen», im Katalog auf Englisch «’Til we meet again», also «Bis zum nächsten Mal»). Dritter Film des ersten Programms des ersten Tages / erster Teil von „L’officielle“: Wir sind noch nicht weit gekommen, es hat gerade erst angefangen, aber was für ein Festmahl!

Es geht um die wahre Geschichte eines wirklichen Ortes, der kleinen estnischen Insel Ruhnu: Ihre ursprünglichen Bevölkerung musste sie während des Kriegs im Jahr 1944 evakuieren. Als sie viele Jahre später zurückkehrte, fand sie ihre Häuser von Fremden bewohnt vor.

Der gesamte visuelle Teil wurde mit vor Ort gefundenen Materialien und Objekten jeglicher Art erschaffen, ob Natur oder Abfall, und alles nach Gebrauch wieder dorthin zurückgebracht. Für die Aufnahmen baute sich Pikkov einen altmodischen Multiplan-Tricktisch nach dem Vorbild jenes des legendären Russen Youri Norstein (und analog zu dem von Špela Čadež, schau an!) – mit Glasplatten wie in einem Regal, mit mehreren in jede Richtung beweglichen und verstellbaren Ebenen, was die Anordnung von flachen und reliefartigen Materialien und Objekten über mit Sand gemalten Hintergründen ermöglicht. Zentral darüber schwebt die Kamera, vertikal ebenfalls beweglich, um verschiedene Ausschnitte in regulierbarer Tiefe zu erfassen. Das Ergebnis ist eine Zelebration der Animation auf höchstem Niveau, mit liebevoller Sorgfalt ausgeführt, um die Erinnerung an eine verlorene Welt zu wecken. – Selbstverständlich stammt auch die Musik vom selben Ort.

Interview / Trailer «Taaskohtumine»

Sehr eindrücklich: Making-of «Taaskohtumine»


Von Dämonen und anderen Unannehmlichkeiten

«Amok», von Balázs Turai, für Ungarn und Rumänien
Und weiter ging’s mit Filmen, die auf die eine oder andere Weise sehr beeindruckend waren, manchmal mit hartnäckig anhaltenden Superlativen eher ein bisschen zu viel des Guten, gar ermüdend – was erlaubte, sich ohne schlechtes Gewissen gegenüber den fraglichen Werken einer gewissen Erschöpfung hinzugeben. Offenbar auch entgegen dem Empfinden der Jury, die einen davon für den Rest der Woche auf das Niveau des Unübertrefflichen hievte: «Amok» des Ungaren Balázs Turai, ausgezeichnet mit dem Cristal für Kurzfilme (und zusätzlich mit dem Prix France TV für einen Kurzfilm).

Nachdem Clyde seine Verlobte und sein gutes Aussehen bei einem ungewöhnlichen / schrecklichen Unfall verloren hat, muss er sich seinem inneren Dämon stellen (Text aus dem Online-Katalogblatt). Dieser Dämon, der sich in seiner teuflischsten Form als roter Zwerg manifestiert, schikaniert den armen Helden Runde für Runde mit jedes Mal noch alptraumhafteren und blutigeren Gräueltaten, wenn jener glaubt, ihn für immer besiegt zu haben. Dann halt … Ich frage mich, ob die Jury denselben Film gesehen hat. Eigentlich egal – zu jenem Zeitpunkt war das Festival längst lanciert, und wie!

Trailer «Amok», von Balázs Turai

Mir wird gerade klar, dass ich unmöglich all dem gerecht werden kann, was es verdiente, was mich beeindruckt, mitgerissen, aufgeregt, bewegt und letztlich den Eindruck erweckt hat, diesmal sei weniger Blasses, Dumpfes, Schweres, Langweiliges, Unverständliches im Angebot gewesen – oder es hat mir geholfen, all dies lockerer wegzustecken.

Bezüglich „Cristal“ gelang es mir leider nicht, den späteren Gewinner bei den Langfilmen, «Le Petit Nicolas – Qu’est-ce qu’on attend pour être heureux?» («Der kleine Nicolas – Worauf warten wir, um glücklich zu sein?»), in meinen hochverdichteten Zeitplan einzupassen. Der Tradition des Festivals folgend (ein halbes Jahrhundert verpflichtet), hielt ich es mit den Kurzfilmen, sah mich aber auch da genötigt, Prioritäten zu setzen und ungern auf die Studienabschlussfilme und TV-Produktionen zu verzichten. Ich bin aber zuversichtlich, den «Nicolas» auch so mal noch sehen zu können (ist ein Verleiher unter den Lesern?).

Wie schon eingangs erwähnt, hinterliessen die Schweizer Wettbewerbsbeiträge insgesamt einen erfreulichen, soliden, wenn nicht gar imponierenden Eindruck, was sich auch im Palmarès spiegelt. Wenn ich nicht weiter darauf eingehen will, liegt das daran, dass ich nicht entscheiden könnte, zu welchem ich nicht gern etwas sagen würde. Die einzige Möglichkeit, es allen recht zu machen, ist die Empfehlung bzw. Aufforderung, sie sich bei der nächsten Gelegenheit selbst anzuschauen.

Wenigstens als Empfehlung hier ein paar andere, die ich gern wiedersehen möchte, sollte sich die Gelegenheit bieten:

«Babicino seksualno zivljenje» («Grosis Sexualleben»), von Urska Djukic und Emilie Pigeard, für Frankreich und Slovenien (Kurzfilmwettbewerb „L’officielle“)
Trailer
Interview

«The Debutante» («Die Debütantin»), von Elizabeth Hobbs, für Grossbritanien (Kurzfilmwettbewerb „L’officielle“)
Trailer
Interview

«Train Again», von Peter Tscherkassky, für Österreich (Kurzfilmwettbewerb „Off-Limits“)
Clip
Interview

«Quantum Cowboys», von Geoff Marslett, für die USA
(Langfilmwettbewerb „Contrechamp“, Spezialpreis für Musik eines Langfilms)
Trailer

«The House» («Das Haus»), von Emma de Swaef & Marc James Roels, Niki Lindroth von Bahr, und Paloma Baeza, für Grossbritanien und die USA (Wettbewerb für TV-Produktionen, Preis für ein TV Special, auf Netflix zu sehen)

Zusammenfassung (Spanisch)

Besprechungen Englisch / Auswahl (Spoiler Alert!):
The House - Lynchian Stop Motion
The House (2022) Deep Analysis - Theories, Themes & Symbolism
Why THE HOUSE Netflix Is So Creepy
The House (2022) Honest Review

Besprechungen Französisch / Auswahl (Spoiler Alert!):
LA MAISON, le déprimant FANTASTIC MR FOX (Critique / Analyse)
Critique The House sur Netflix (Québecois)

Trailer «The House» von Emma de Swaef & Marc James Roels, Niki Lindroth von Bahr und Paloma Baeza


Off Limits

Ich kanns doch nicht lassen: auf zwei Schweizer Beiträge muss ich doch noch zu sprechen kommen – jene zwei, die für die Wettbewerbskategorie Off-Limits ausgewählt wurden.

Damit meint Marcel Jean, der diese eingeführt hat, Filme von Autoren, die dem Experiment verfallen sind und sinnlichen Phänomenen im Bereich des Sehens nachforschen, oder solche in die Welt setzen. Filme, die damit spielen, dass sie nur Film sind, nicht in andere Medien übertragbar, und nichts anderes sein wollen. Vor einem Jahrhundert wurde dafür die Bezeichnung Absoluter Film erfunden. Solche Filme sind immer wieder auch in der Schweiz entstanden, oft durch Personen, die im persönlichen Schaffen nur das wirklich interessierte. Gleich zwei davon in einer Auswahl von total acht ist aber doch bemerkenswert.

Beim einen geht es dabei um Bewegung, beim anderen um Materie. Beides ist im Alltag in einen Kontext eingebunden, zu dem auch wir selbst gehören. Was aber geschieht, wenn wir daran rütteln, bis sie aus diesem herausfallen, beziehungsweise zu fallen scheinen? Damit spielen, Illusionen produzieren, welche die Alltagserfahrung herausfordern?

«Arrest in Flight», von Adrian Flury, für die Schweiz (Kurzfilmwettbewerb „Off-Limits“)
Bei ihm geht es um Bewegung. Film erlaubt, diese aus ihrem Kontext zu lösen und in einen anderen zu übertragen, etwas anderem, fremdem anzudichten, mit der Zeitachse und -richtung zu spielen, was nicht nur interessant und spannend ist, sondern auch aberwitzig und verrückt. Dabei gibt der Autor immer Hinweise, wie er vorgeht, wie das Ganze zustande kommt, ohne aber den Zauber aufzuheben. (Fantoche)

Making-of «Arrest in Flight», von Adrian Flury (CH 2021)

«Intersect», von Dirk Koy, für die Schweiz (Kurzfilmwettbewerb „Off-Limits“)Hier gilt das Interesse der Materie – was das ist, wie sie sich in unserer Wahrnehmung konstituiert –, wobei Dirk Koy uns wie Adrian Flury ein Stück weit auch den Teppich unter den Füssen wegzieht.

Alles beginnt mit einem Stück Landschaft in einem leeren Raum, wie sie naturalistischer nicht sein könnte, aber irgendwie auch ausgestellt, wie ein Schaustück in einer Auslage (der Garten Eden?). Das sich aber vor unseren Augen, erst kaum wahrnehmbar, aufzulösen beginnt, auf eine Art, für die wir keine Worte haben, weil auch der Vorgang, den wir sehen, so in der Natur nicht vorkommt. Schliesslich löst sich der zuvor wahrgenommene Bildkontext ganz auf, entwickelt ein Eigenleben als rein visuelle Materie. Wir glauben es trotzdem, weil wir gesehen haben, wie es entstand, wohl wissend, dass da nichts materiell Existierendes ist, nur ein flüchtiger Abdruck auf unserer Netzhaut. Ein bereicherndes ästhetisches Erlebnis der vierten Art, intelligent, ästhetisch, ausgezeichnet mit dem Prix du film „Off-Limits“. (Fantoche)

Trailer «Intersect», de Dirk Koy (CH, 2021)


Epilog: Tote, die zu uns sprechen...

Ein Zufall? – Es gibt welche, die sind eher etwas unheimlich.

Die ersten Worte, die sich diese Woche von der Leinwand her an mich richteten – überhaupt die ersten, die gesprochen wurden – kamen von einem Toten; die letzten auch.

Der erste fragte sich, wo er war, wie er dahin gekommen sei und warum, alles im Rahmen einer Fiktion von schwärzestem und groteskem Humor, die trotz allem in einer Art Happy End aufgeht und mit einer äusserst farbenfrohen Palette ins Bild gesetzt ist («Miracasas»).

Auch der zweite stellte Fragen zu seinem Schicksal, allerdings als Opfer einer echten und brutalen Militärdiktatur, die ihn vor Jahrzehnten ermordet und aus dem Weg geräumt hatte, der aber auch von der jetzigen Regierung bis heute weiterhin offiziell „nur“ als vermisst geführt wird: «Angle mort», von Lotfi Achour, für Frankreich und Tunesien, in Schwarzweiss, das an dunkle Mikrofilme erinnert.

Interview: Café court - Lotfi Achour / «Angle Mort»
Portrait Lotfi Achour / «Angle Mort»

Tailer «Angle mort», von Lotfi Achour


… und ein Vergessener

Zurück zum Gastland des Festivals und den Programmen zu Ehren der Schweizer Animation.

Wie schon erwähnt, war Smalltalk dieses Jahr meine Sache nicht. Entsprechend hab ich auch weder während des Festivals noch danach irgendwas über die Schweizer Werkschau gehört, und wurde auch nie darauf angesprochen. Dafür aber auf einen, der da nicht dabei war, den grossen Abwesenden: Pingu.

Pingu, die weltweit (und vielerorts einzige) bekannte Schweizer Figur, die populärste Produktion und lange das eigentliche Aushängeschild – schlicht der Superstar der Schweizer Animation, und der Einzige, der diesen Status je hatte: Und wo ist Pingu, wurde ich gleich mehrmals gefragt.

Ja, wo war er? und sein Schöpfer (oder liebevoller: sein Vater), Otmar Gutmann?

Julius Pinschewer sowie Gisèle und Nag Ansorge als wichtige Vertreter der Vergangenheit, Claude Barras, Marcel Barelli, Isabelle Favez und die Gebrüder Guillaume als erfolgreiche Aktive, sogar auch Bruno Edera als zentrale Figur und Stifter für die ganze Gemeinschaft der an Animation Interessierten, sie alle wurden mit je eigenen Programmen geehrt – bloss an Otmar und Pingu hat niemand gedacht.

1993 ist Otmar ganz leise weggetreten – Herzstillstand. Die Produzenten wussten das mit grossem Getöse zu überspielen, weil sie nur der Markt interessierte, nicht die Figur (die „Franchise“), und schon gar nicht ihren schon von Anfang an enterbten Schöpfer, in dessen moralischer Schuld sie nun nicht weiter standen. Nachdem sie die Zitrone ausgepresst hatten, verkauften sie die Sache für zig Millionen (Pfund) nach England, wo sie noch ganz bis auf die Knochen ausgekocht und dann an die Meistbietenden nach Japan weiterverschachert wurde. Eine Ehrung irgendwelcher Art, an einem dafür passenden Anlass, wie zum Beispiel einem Festival, hat nie stattgefunden. Auch diesmal nicht. Dafür schäme ich mich.

PS: Pingu ist zwar die bekannteste, aber bei weitem nicht die einzige Figur, die durch Otmars Hände zum Leben erwachte. Nach Anfängen als Amateur und einem Nachdiplomkurs für Animation wechselte er ins professionelle Lager und folgte Mitte der 70er-Jahre einem Angebot, in deutschen Studios an Produktionen für diverse TV-Anstalten mitzuwirken. Dort erwarb er sich umfassende Kenntnisse und vertiefte Praxis zunächst als Animator in verschiedenen Stop-Motion-Techniken, bald aber auch als Kameramann und im Laufe der Zeit als Regisseur und in allen anderen Bereichen rund ums Set. Um nur einige Produktionen zu nennen: Als Animator und später Regisseur fertigte er Episoden von Plastilin-Serien an, wie «Plonster» für den deutschen Ableger der Sesamstrasse; für die Serie «Detek und Tiftiff» der ARD waren es klassische Marionetten; für die Adaptation von Kinderbüchern, u.a. von F.K. Waechter, damals einer der angesagtesten deutschen Illustratoren, nutzte er die Cut-out-Technik; oder wiederum Knetmasse für die Serie «Les Musus» für die französische Produktion Belokapi, diesmal auch als Autor. Das legendäre Studio Barrandov (Jiří Trnka!) holte ihn nach Prag, um für die Serie «Luzie, der Schrecken der Strasse» zwei Plastilinfiguren in einer realen Welt mit menschlichen Darstellern zu animieren. Und nebenbei schuf er in seiner Wohnung einen eigenen persönlichen Experimental-Kurzfilm, «Aventures» (1978), mit der plastischen Welt und Objekten des Künstlers Lubomir Stepan zu Musik von György Ligeti.

Zurück in der Schweiz wurde er auch für die SRG tätig, die schliesslich auch den Pilotfilm von Pingu mitfinanzierte – sein erstes Projekt einer eigenen TV-Serie, die fortan seine ganze Zeit in Anspruch nahm. Das heisst, nicht ganz: Weil die noch vor Produktionsbeginn vertraglich festgelegte Fix-Summe pro Episode zu knapp bemessen war, um deren Kosten immer zu decken – beziehungsweise jene meist mehr Zeit in Anspruch nahmen als vorgesehen –, musste er immer wieder Werbeaufträge einschieben, oft an Wochenenden, in Drehpausen sowieso.

Für eine Retrospektive sollte also genug Material vorhanden sein.